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Gottlob Kreß

 

Wie alles, so hat auch das Ende des Krieges ein davor, das unmittelbar Erlebte und ein danach. Auch ich erlebte das als Zwölfjähriger so, deshalb beschränke ich mich in meinem Bericht nicht nur auf die Tage im April 1945.

Geboren bin ich 1932, ein halbes Jahr vor der so genannten Machtergreifung Adolf Hitlers.

   Einer schweren Zeit, die geprägt war von der Weltwirtschaftskrise mit vielen Arbeitslosen und hohen Reparationszahlungen nach dem verlorenen l. Weltkrieg, dazu einer schwachen Regierung, der so genannten Weimarer Republik.

Adolf Hitler hatte es verstanden mit seiner despotischen Rednergabe, seinen Versprechungen, und seiner NSDAP der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, die Leute zu begeistern. Dazu hatte sein Auftreten, seine Ideologie und sein Sendungsbewusstsein religiöse Züge. Er ließ mit Heil Hitler grüßen, sprach vom heiligen Vaterland vom heiligen Krieg und der Vorsehung die ihn zum Führer des „Tausendjährigen Reiches" erkoren hat, so dass viele in ihm den „Führer" sahen, wie er sich nannte. „Führer befiehl, wir folgen dir" war die Parole. Dazu kam der Rassenwahn. So musste jeder durch einen Stammbaum nachweisen, dass er arischer Abstammung ist und so der Herrenrasse angehörte. Und er hatte Erfolge. Es gab wieder Arbeit und auch der Landwirtschaft ging es besser. Es wurde das Wort von „Blut und Boden" geprägt.

Meine Eltern bewirtschafteten hier in Wolpertshausen einen Bauernhof und von klein an half man mit wo man konnte.

Meine frühesten Erinnerungen sind, dass bei uns Leute einquartiert waren, die im Reichsarbeitsdienst Felddrainagen durchführten und Gräben und Wege bauten. Später wurde auch die Reichsstraße zur Aufmarschstraße in, Stuttgart, Nürnberg, Prag ausgebaut. Dabei wurde sie verbreitert, vor allem auch die Steige nach Cröffelbach und es kam zu Ortsumfahrungen wie in Ilshofen. Die Bagger, Straßenwalzen und Geräte haben mich beeindruckt.

Ab Frühjahr 1939 ging ich zur Schule. Unser Lehrer Herr Ehrmann war Ortsgruppenleiter und ein eifriger PG - Parteigenosse. Wir waren acht Klassen in einem Raum, mit etwa 50 Schülern und wurden durch Strenge und auch Schläge erzogen. Gelernt haben wir trotzdem viel, wie ich meine.

1940 war dann die 1. Schulreform. Die Klassen l bis 4 mussten nun nach Haßfelden und Reinsberg und die Klassen 5 bis 8 waren in Wolpertshausen. So marschierten wir jeden Tag nach Haßfelden und zurück. Auch bei Wintern wie wir jetzt einen erlebt haben, oft bei kaum geräumten Straßen. Wir hatten dort eine junge Lehrerin, die gefiel uns besser.

Bald nach Schulbeginn brach der Krieg aus. Man hörte nur Siegesmeldungen. Weil die Knechte zur Wehrmacht eingezogen waren, arbeiteten bei uns zwei Gefangene, zuerst aus Polen, dann aus Frankreich. Sie aßen mit am Tisch. Ich hatte ein gutes Verhältnis zu ihnen und musste sie abends zu ihrer Unterkunft im Gasthaus Bühler (Sonne) begleiten.

Ab 1943 war ich dann in der Oberklasse in Wolpertshausen. Das Klassenzimmer durfte nur mit „Heil Hitler" betreten werden. Einer kam einmal herein, sah den Lehrer nicht und grüßte mit „Guten Morgen." Das bekam ihm nicht gut.Jeden Morgen war zuerst eine Art politische Schulung. Jeweils ein anderer Schüler musste ein Wort des Führers sagen, das war die Losung. Zum Beispiel: „Du bist nichts, dein Volk ist alles." Es folgte ein Lied, dann der Wehrmachtsbericht, danach der Lehrer. An der Landkarte wurde immer neu der Frontverlauf abgesteckt. Als wir dann später immer wieder die Front „begradigen" mussten, hörte das mit dem Wehrmachtsbericht auf, das mit den Führerworten nicht. Ich denke an eines: „Das Leben ist ein Kampf und wer nicht kämpfen will den Kampf des Lebens, verdient das Leben nicht." Man sagte solche Sprüche nicht nur, nein, es wurde auch danach gehandelt.

Ich kenne zwei behinderte, etwas ältere Kinder aus der Gemeinde die abgeholt wurden. Bald danach kam die Todesanzeige, sie seien an einer Erkältung oder Lungenentzündung gestorben.

Auch die Lieder die wir sangen, wenn wir in Dreierreihen nach der Größe geordnet zum Sportplatz marschierten, hatten es in sich.

Zum Beispiel: Es zittern die morschen Knochen der Welt vor dem großen Krieg. Wir haben den Schrecken gebrochen, für uns war's ein großer Sieg. Wir werden weitermarschieren wenn alles in Scherben fällt, denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt. Und mögen die Alten auch schelten, so lasst sie doch toben und schrein. Und stemmen sich gegen uns Welten, wir werden doch Sieger sein. Wir werden weitermarschieren wenn alles in Scherben fällt usw. Es ist nicht alles in Scherben gefallen, aber viel zu viel.

In der Schule lernten wir nicht nur lesen und schreiben, es gab auch sonst viel zu tun. So hatten wir oft keine Hausaufgaben zu machen, mussten aber dafür Heilkräuter sammeln wie Waldmeister, Himbeer- und Brombeerblätter, Huflattich, Schachtelhalm, Kamille und viele andere, die eben gerade dran waren. Wir mussten sie daheim auf der Bühne trocknen und dann abliefern. Eine bestimmte Menge war Vorschrift. Wer mehr hatte, wurde gelobt und bekam eine Auszeichnung. Wer zu wenig zusammenbrachte wurde bestraft und vor allen bloßgestellt. In den Schulfenstern hatten wir eine Seidenraupenzucht. Im Schulgarten waren dafür

Maulbeerbäume gepflanzt. Immer zwei Schüler mussten eine Woche lang die Raupen versorgen, auch am Sonntag, Wenn sie sich eingesponnen hatten wurden die Kokon abgepflückt. Die Seide brauchte man für Fallschirme. Große Angst hatten alle vor Kartoffelkäfern die angeblich von Flugzeugen aus abgeworfen wurden. Uns wurden Bilder von ihnen gezeigt, auch von leer gefressenen Feldern und so mussten wir durch die Kartoffeläcker gehen, haben aber keine gefunden. Immer wieder wurden auch entsprechende Plakate gedruckt, die wir Kinder dann anbringen

mussten. Z.B. „Feind hört mit, Der Kohlenklau, oder Räder müssen rollen für den Sieg."

Im Lauf der Zeit wurden immer mehr Nachbarn, Bekannte und Verwandte zur Wehrmacht eingezogen. Mein Bruder kam 1943 mit 17 zum RAD  (Reichsarbeitsdienst) und dann zur Wehrmacht. Wenn unser Lehrer mit der Uniform durch's Dorf ging, war das fast immer ein Zeichen dafür, dass wieder ein Soldat gefallen war. Die Leute schauten ihm nach, wo er hinging. An einem Abend hörte ich ein Geschrei vom Hof gegenüber. Ich schaute was los ist. Vater Philipp leerte gerade einen Mistkarren aus. Davor der Ortsgruppenleiter und Vater Philipp schrie ihn an: „Ihr seid schuld dass mein Hermann gefallen ist. Verschwinde, sonst passiert was." Dann wurden Trauergottesdienste gehalten, je länger es ging, um so öfter. Aus unserer doch kleinen Gemeinde sind 59 Männer gefallen oder vermisst. Auch an diese sollte man an diesem Tag denken. Vertrieben von den Bombenangriffen kamen 1943 Evakuierte aus Essen zu uns ins Haus. Zwei Schwägerinnen mit einem Sohn und einem kleinen Kind. Wir vertrugen uns ganz gut. Sie halfen im Haus und auf dem Feld mit und waren zuversichtlich, dass alles gut gehen würde. Ihre Männer waren auch Soldaten. In dieser Zeit wurde uns auch eine Frau mit ihrer 14 jährigen Tochter zugewiesen. Sie kam aus der Ukraine und arbeitete in der Molkerei und bei uns. Die Frau erzählte gebrochen, dass alle arbeitsfähigen Leute ihres Dorfes und die älteren Kinder sich sammeln mussten. Sie sollten ordentliche Kleider und Verpflegung für ein paar Tage mitnehmen, um Heilkräuter zu sammeln. Doch sie wurden durch den Wald, zur nächsten Bahnstation geführt, dort in Waggons verladen und nach Deutschland gebracht um hier zu arbeiten. Beide waren froh, dass sie bei uns wohnen konnten, wussten aber nicht, was aus den Zurückgebliebenen geworden ist. Meine Eltern konnten es fast nicht glauben, dass es so etwas gab.

Nach dem Hitlerputsch im Juli 1944 und der Ausrufung des „Totalen Krieges" verschärfte sich manches. Wir Buben machten eine Art vormilitärische Ausbildung, vor allem beim Jungvolk, aber auch beim Sportunterricht. Zum Jungvolk ging ich eigentlich gerne. Man war mit Gleichaltrigen zusammen, trieb Sport, machte Geländespiele und Exerzierübungen. Dabei lernten wir wie ein „Pimpf sein muss: „Zäh wie Leder, flink wie ein Windhund und hart wie Kruppstahl."

1944 flogen die Bombergeschwader auch über uns hinweg. Wir sahen den Feuerschein von Heilbronn. Auch der Flugplatz von Hessental wurde angegriffen. Bei Hohenberg haben Nachtjäger einen Bomber abgeschossen. Er explodierte in der Luft, so dass die Teile weit zerstreut waren. Der Volkssturm wurde aufgestellt. Mein Vater musste auch dazu und es wurde damals viel von den neuen Waffen gesprochen. Die V l und 2 war ja schon da und auch der neue Düsenjäger in Hessental gebaut, raste am Himmel entlang. Doch bald hörte man diesen Vers auf den Volkssturm und den Neuen Waffen: „Maikäfer flieg, der Vater ist im Krieg. Der Opa, der rückt auch noch ein und das soll die neue Waffe sein."

Etwa im zeitigen Frühjahr 1945 sollten von der OT, Organisation Todt Abschussrampen für V - Waffen im Wald Erlich zwischen Hörlebach und Ilshofen gebaut werden. Dazu brauchte man Steine. Diese wurden im Haßfelder Steinbruch von Zwangsarbeitern und Gefangenen gebrochen. Zum Transport hatte man Schienen für eine Kleinbahn mit Kipploren durch die Felder nach Hörlebach verlegt. Diese Arbeiter waren in Baracken auf dem Ziegeleigelände in Ilshofen untergebracht. Sie mussten täglich den Weg bis zum Steinbruch und zurück zu Fuß gehen. Auch haben sie einfaches Spielzeug aus Holz gebastelt z.B. kleine Flugzeuge, Brettchen mit pickendem Vogel und auch Ringe. Die tauschten sie gegen etwas zu essen.

Die Amerikaner standen am Rhein. Nun lernten wir in der Schule: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall... zum Rhein, zum Rhein zum deutschen Rhein, wer will des Volkes Hüter sein. Oder das Burenlied: „Ein alter Bur mit grauem Haar, der zog seinen Söhnen voran. Der Jüngste war kaum 14 Jahr, er scheute nicht den Tod für's Vaterland." So auch den Rüttlischwur. „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr. Wir wollen treu sein, wie die Väter waren. Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben."

 

Zum Frühjahr hin, 1945 kam die Auflösung. Hessental und Hall wurden bombardiert. Immer öfter fiel die Schule aus. Auf der (heutigen) B14 war viel los. Militärkolonnen zogen durch. Der Volkssturm grub Schützenlöcher entlang den Straßen und machte Schießübungen mit KK -Gewehren, die wir vom Jungvolk wieder putzen mussten. Unser Lehrer sagte uns: „Und wenn der Feind in Cröffelbach steht, so hat der Bauer in Wolpertshausen noch zu säen und zu ernten."

Anfang April bekam ich ein Schreiben, dass ich mich mit anderen meines Jahrgangs am

7. April in Steinbach zu melden hätte. Doch dazu kam es nicht.

Am Abend des 6. April hieß es plötzlich, die Amerikaner sind in Crailsheim. In der Nacht, gegen Morgen wurde es laut. Eine deutsche Artillerieeinheit mit Pferdegespannen kam in den Ort. Ein Teil zog gleich weiter, andere quartierten sich in den Häusern und Scheunen ein. In der Scheune neben unserm Haus waren Pferde und 2 Wagen, einer mit Hafer, der andere mit Panzerfäusten beladen. Solche Truppenbewegungen konnten nur bei Nacht stattfinden, denn am Tage waren die Jagdbomber überall.

Am Nachmittag des 7. April hieß es, die Amerikaner kommen von Crailsheim her. Der

Volkssturm sollte Richtung Reinsberg ausrücken. Sie sammelten sich bei der Linde und

waren unschlüssig, was sie tun sollten. Vater sagte bleibt hier, wenn es hier losgeht, brauchen wir jeden. So blieben sie. Man hörte Geschützdonner, sah den Rauch aus Ilshofen aufsteigen, dann von Rudelsdorf. Nun kam Leben in den Ort. Die Soldaten schoben die Wagen aus den Scheunen, spannten die Pferde an und stellten sich auf der Straße nach Reinsberg auf und fuhren im Galopp los.

Ich stieg auf die Bühne um mehr zu sehen. Von Rudelsdorf her wälzte sich der Rauch mit dem Ostwind heran und darüber kreiste in kleines Flugzeug, ein Artilleriebeobachter. Als der näher kam ging ich wieder herunter und wollte zu den anderen in den Stall.

Wie ich die Haustüre aufmachte, vor mir im Hof ein Krachen und eine Feuerwand. Ich flog auf den Boden und rannte in den Keller. Immer mehr kamen in den Keller, auch einige Soldaten. Die 1. Granate schlug im Hof ein, die 2. bei uns im Hausdach. Die 3. in Nachbars Scheune. Es waren Phosphorgranaten. Nachbars Scheune direkt neben unserem Haus und unser daran angebauter Schweinestall mit Holzschuppen brannten. Dass unser Haus nicht Feuer fing, sahen meine Eltern als ein Wunder an. Die Granate war durch den Giebel in die gemauerte Rauchkammer am Kamin gefahren und hatte diese zerstört. Die Sparren hatten Brandspuren,

fingen aber kein Feuer, doch fast alle Ziegel waren durch den Luftdruck heruntergefegt. Der Ostwind trieb die Flammen von unserem Haus weg, doch nach Westen brannten 2 weitere Scheunen mit Ställen und l Haus ab.

Alle waren nun draußen und halfen beim löschen. Auch einige Soldaten. Sie hatten ihre Uniformjacken ausgezogen und stellten sich später den Amerikanern.

Die deutschen Soldaten waren bei Beginn der Beschießung im Galopp Richtung Reinsberg verschwunden. Im Hof hinter unserem Haus ein zurückgelassener Wagen voll beladen mit Panzerfäusten. Er war noch aus der brennenden Scheune geschoben worden. Ein Pferd ist jedoch dort verbrannt. Vater sagte nachher, wenn der Wagen nicht mehr herausgekommen wäre, stünde unser Haus nicht mehr und wir würden wohl auch nicht mehr leben.

Plötzlich Motorenlärm. Die Panzer kamen angerollt, danach die LKW und Jeep's. Zum ersten mal sah ich einen Schwarzen. Er grinste. Ich war beeindruckt von den weißen Augen und Zähnen. Wir hatten weiße Taschentücher am Arm und aus den Häusern hingen weiße Fahnen.

Die Feuerwehr war überfordert. Bürgermeister Weller unterhielt sich mit meinem Vater, dass man Verstärkung brauche, ob man nicht die Reinsberger Feuerwehr holen könnte. Ich stand dabei, hörte um was es ging und sagte, die hol ich, ich fahr mit dem Fahrrad rüber. So fuhr ich an einem Panzer vorbei nach Reinsberg. Unterwegs, bei der Anhöhe hörte ich Schüsse und Kugeln pfeifen. Ich sprang in den Straßengraben und als es wieder ruhig war, fuhr ich weiter. In Reinsberg standen deutsche Soldaten und Bauern am Friedhof auf der Straße und schauten nach dem brennenden Wolpertshausen. Ich wurde ausgefragt wie sich die Amerikaner verhalten, wie viele es sind, mit wie vielen Panzern. Nach einigem hin und her entschlossen sich die Reinsberger mit der Feuerwehr zu kommen. Am Ortseingang ließen uns die Wachen passieren. Auch die Feuerwehr von Hörlebach war gekommen. Sie halfen beim Löschen, sicherten noch stehende Gebäude und hielten Feuerwache. Am Morgen fuhren sie wieder unbehelligt zurück.                                          

In der Nacht kamen amerikanische Soldaten zu uns ins Haus. Meine Mutter musste Eier backen. Als sie keine mehr hatte, brachten die Amis noch von den Nachbarn. Wir jedoch mussten im Keller bleiben.

Der 8. April begann ruhig. Nun wurde bekannt, dass drei Wohnhäuser und sieben Ställe und Scheunen abgebrannt waren. Ein großer Panzer stand unter unserem Vordach Richtung Reinsberg und MG - Nester waren in den Gärten neben der Straße angelegt und getarnt.

Neugierig wie Kinder eben sind, bestaunten wir die Autos, Panzer, Waffen und die kauenden Soldaten. Es gab erste Annäherungsversuche und der angebotene Kaugummi erleichterte diese. Selbst wir Buben merkten, was es doch für ein Unterschied war zwischen dieser Streitmacht und den ausgemergelten deutschen Landsern mit ihren Pferden, Fahrrädern und Ausrüstungen. Am Nachmittag hörte man wieder vermehrt die Geschütze am Ortsrand. Haßfelden wurde beschossen. Dort brannten ein Haus und elf Scheunen und Ställe ab. Nun beschoss deutsche Artillerie den Ort. Das Rathaus und die Scheune Groß wurden getroffen. Auch Amerikaner wurden verletzt. In der Nacht waren wir wieder im Keller. Plötzlich eine schwere Detonation und Maschinengewehrfeuer. Eine deutsche Patroullie wollte wohl den Panzer unter unserem Vordach abschießen, verfehlte aber ihr Ziel und schoß ein großes Loch in Nachbars Scheune.

Am Abend des 9. April wurde es hektisch. Jeeps fuhren hin und her, die Panzer wurden vollgetankt. In der Nacht dann Motorenlärm, die Amis rückten ab.

In der Frühe lautes Kettengerassel. Nun fuhren deutsche Panzer durch und überall waren deutsche Soldaten. Schnell wurden die weißen Tücher wieder eingeholt. Ich rannte zur Hauptstraße. Am Ortsausgang, gegenüber Löchners waren zwei amerikanische Panzerspähwagen abgeschossen worden. Leute waren da, jeder nahm mit was er brauchen konnte. Ein Soldat pumpte mit einer Handfeuerspritze Benzin in seinen erbeuteten Jeep und füllte noch einige Kanister. Da wurden auf der Straße zwei amerikanische Gefangene gebracht. Ich lief hinterher. Sie wurden in die Scheune von Groß geführt, dort lag ein erschossener SS Mann. Die Gefangenen wurden streng verhört, nach dem was hier vorgefallen sei und dann weggebracht.

Am Nachmittag erhielten wir die Nachricht, dass beim Einmarsch in Rudelsdorf meine Tante und mein Vetter durch Beschuss umgekommen und Haus und Hof abgebrannt waren. Meine Kusine brachte die geretteten Habseligkeiten zu ihrer Schwester nach Wolpertshausen wo auch diese beim 2. Einmarsch verbrannten.

Immer wieder waren auch durchziehende Soldaten im Haus und der Scheune, die hier versorgt wurden. Es war auch eine Gruppe Hitlerjugend dabei, kaum älter als ich. Zu denen sagte meine Mutter: „O Buwa gehnt doch ham." Da stellte sich einer vor sie: „Wir sind Soldaten und wenn man Soldat ist, ist man kein Bub mehr, sondern ein Mann."

Der geflohene Ortsgruppenleiter, unser Lehrer, war auch wieder da. Er versammelte den Volkssturm in der Schule und erklärte, nur er habe den Führerbefehl „Verbrannte Erde" befolgt. Alle seien Befehlsverweigerer. Er verlas den Führerbefehl noch einmal, nach dem, wenn der zurückgeschlagene Feind wieder kommt, alles Wichtige auf Wagen verladen werden sollte, Häuser und Höfe anzuzünden seien und sie in Richtung Ellwangen wegfahren sollten. Es gab einen Tumult und nur einigen besonnenen Männern ist es zu verdanken, dass er nicht verprügelt wurde. Nach den beim 1. Einmarsch gemachten Erfahrungen befolgte niemand den Befehl.

Die nächsten Tage waren verhältnismäßig ruhig. In der Nacht zum 14. auf den 15. April wurde es plötzlich laut im Haus. Wir mussten die unteren Zimmer räumen, dort quartierte sich der deutsche Regimentsstab ein. Telefonleitungen wurden verlegt, Funker hatten ihre Geräte aufgebaut, Offiziere und Melder kamen und gingen, - für mich eine interessante Sache. Da es am 16. April recht ruhig war wollten wir auf einem Acker Richtung Hörlebach Kartoffel stecken, als plötzlich die Jabos (Jagdbomber) kamen. Sie griffen Windisch Brachbach an, drehten über uns ihre Runden und stießen immer wieder auf den Ort herunter. Sie schössen mit Bordwaffen und warfen Bomben bis der ganze Ort brannte. Nun wussten wir, bald kommen sie auch wieder zu uns. Wir sahen Waldenburg brennen, auch Kupfer, Gailenkirchen, und Übrigshausen. Am 17. in der Frühe wurde Hörlebach beschossen. Sechs Häuser und acht Ställe und Scheunen brannten ab.

Am 18. vormittags, ging es wieder bei uns los. Nun traf es den nördlichen Teil von Wolpertshausen. Dort gab es Brände. Als es ruhiger wurde, fing die Feuerwehr zu löschen an. Die letzten zwei Offiziere vom Stab in unserem Haus verabschiedeten sich von meiner Mutter: „Frau Kreß, bis in ein paar Tagen sind wir wieder da. Zu Führers Geburtstag (20.04.) kommen die neuen Waffen."

Nun setzte der Beschuss plötzlich wieder ein. Immer mehr Gebäude brannten. So auch das Anwesen meiner Kusine Paula. Ihr Schwiegervater trieb das Vieh aus dem Stall, dabei wurde er angeschossen und schwer verwundet. Die Amerikaner brachten ihn weg. Erst am 13. Mai kam die Nachricht, dass er schon am 19. April in Künzelsau gestorben war. Diesmal brannten die Schule, ein Wohnhaus und vier Ställe und Scheunen ab. Nun waren die Amerikaner wieder da und begannen sofort mit der Beschießung des Heimatholzes, dort hatten sich die Soldaten zurückgezogen. Am Nachmittag wurde unser Haus beschlagnahmt, weil von den Amerikanern ein Feldlazarett eingerichtet wurde. Wir mussten alle raus und waren nun im Rübenkeller, in der Scheune. Am anderen Morgen 19. April begann der Angriff auf Reinsberg. Von unserer Scheune aus konnte man die Anhöhe Richtung Reinsberg gut übersehen. Die Panzer in breiter Front, dahinter die Infanterie. Vor der Anhöhe hielten sie an und beschossen den Ort. Danach fuhren sie bis zur Höhe vor. Als sie nun Feuer bekamen, fuhren sie ein wenig zurück und schössen weiter auf den Ort. Das wiederholte sich mehrmals. Der ganze Ort brannte. Erst gegen Abend hörte die Schießerei auf. Das Brennen nicht. Ein Mann wurde tödlich getroffen, mehrere Leute schwer verletzt. Auch in den Ställen ist viel Vieh umgekommen.

Die Tage danach hörten wir noch Gefechtslärm und sahen die Brände von Tüngental, Sulzdorf und Großaltdorf.

Nun begannen die Aufräumarbeiten, aber auch das Bergen der toten deutschen Soldaten. Ich hatte zwei im Grund, Richtung Hopfach entdeckt. Mein Vater und noch ein Mann holten sie mit dem Pferdefuhrwerk. Auch im Heimatholz fanden wir noch mehrere. Zusammen mit anderen hat man sie in 2 Massengräbern im Friedhof beerdigt. Später wurden manche in die Heimat überführt und 24 in Einzelgräbern bestattet, die bis heute von der Gemeinde gepflegt werden. Es sind viele, die so kurz vor dem Ende des Krieges in unserer Gegend noch gefallen sind. Vor allem auch bei den schweren Kämpfen am Landturm, um Ruppertshofen und Ilshofen. Bald kam es auf der Reichsstraße zu einer Völkerwanderung, die man sich heute kaum mehr vorstellen kann. Leute zogen mit allen möglichen Hand- und Kinderwagen, Fuhrwerken und Fahrzeugen durch, beladen mit dem wenigen was sie noch hatten, oder trugen ihre Habseligkeiten in Rucksäcken, Koffern und Taschen. Sie kamen in die Häuser, baten um etwas zu Essen oder einen Platz zum Schlafen. Geplündert wurde auch, vor allem von ehemaligen Zwangsarbeitem. Schlimmer waren aber Übergriffe von Soldaten. Auf der Bundesstraße zogen immer wieder Militärkolonnen durch, die auch oft nach der Steige einen Halt einlegten um sich zu sammeln. Sie waren gefürchtet, vor allem die französischen. Es wurden manchmal Hühner geschossen, geplündert und es kam zu Vergewaltigungen. So rannte eine junge Frau 2 Marokkanern davon. Sie flüchtete in unser Haus, rannte die Treppe hoch und schloss sich in ein Zimmer ein. Die 2 hinter ihr her. Vater wollte sie abhalten, wurde aber mit dem Gewehr bedroht. Sie kamen zu der verschlossenen Türe und weil die Frau auf Zuruf nicht öffnete, schoss einer durch das Schloss. Wir hatten große Angst. Die Frau sprang im 1. Stock aus dem Fenster, verletzte sich, konnte aber wegkommen, bevor die Türe eingeschlagen war.  Manches begann sich wieder zu normalisieren. Es wurden provisorische Ställe und Stangenscheunen gebaut. Die ersten Heimkehrer kamen zurück, so auch mein Bruder schon Ende Juli. Die Freude war groß, denn wir hatten vorher nichts von ihm erfahren. Im Herbst begann wieder die Schule im Sitzungszimmer des Rathauses. Die Gottesdienste wurden im Schulsaal in Reinsberg gehalten, denn die Kirche war auch abgebrannt. Im Frühjahr 1946 wurden wir in der Kirche in Cröffelbach von Pfarrer Kirn aus Vellberg konfirmiert. Unseren Konfirmandenausflug machten wir zu Fuß nach Vellberg, den gleichen Weg den Pfarrer Kirn so oft zu uns gegangen war und merkten dabei erst, wie weit dieser Weg war.

Soweit mein Bericht. Als Zwölfjährigem war es für mich eine aufregende, interessante und erlebnisreiche Zeit. Den Eltern merkte man eine Erleichterung an. Für sie war es eine schwere Zeit.

Gottlob Kreß, im April 2005

 

 

Wiedergabe des Vortrags, der am 18.April 2005 im Bürgersaal in Wolpertshausen gehalten wurde.