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Gisela Strecker

Gedanken und Erinnerungen aus Haßfelden:

50 Jahre nach Kriegsende:

 

Für unsere Generation ist das Zurückdenken gar nicht einfach. Unsere Jugend war reich an Entbehrungen und hart, vor allem für die Männer, welche ihre ganze Jugendzeit an verschiedenen Fronten verbringen mußten.  Jedes Zurückdenken, besonders jetzt, erinnert an Leid und Tod und wühlt uns heute noch auf.

 

Herr Stepper hat seinen Vortrag mehr politisch aufgebaut. Meine Aufschriebe sind aus dem täglichen Leben.

 

Der Krieg

 

Im Krieg wurde alles kontingentiert und mußte abgeliefert werden. Frucht, Vieh und Schweine, Eier, Milch und Zuckerrüben, Kartoffeln, Äpfel, Zwetschgen, überhaupt alles was es gab.

Kaufen konnte man fast gar nichts mehr. Es gab Kleiderkarten, Lebensmittelkarten und für neue Schuhe brauchte man einen Bezugsschein vom Rathaus. Für Männer gab es Raucherkarten. Außerdem brauchte man, um Schlachten zu dürfen einen Schlachtschein und um Mehl mahlen zu lassen, einen Mahlschein. Wenn man nach Hall mußte, brauchte man für den Bus eine Bescheinigung vom Rathaus. Da bei der Ausgabe der Scheine aber immer mehr Leute da waren,  als Platz im Bus war, mußte man öfter kommen, bis es klappte.

 

Von Anfang des Krieges an waren Evakuierte aus dem Rheinland da. Später dann noch Frauen und Kinder aus den ausgebombten Städten. Die Häuser waren alle übervoll.

Gleich zu Anfang des Krieges mußten die meisten jungen Männer zur Wehrmacht. Je länger der Krieg dauerte, mußten immer ältere und natürlich auch jüngere Jahrgänge an die Front, bei immer kürzerer Ausbildung. Hugo Breuninger war  mit 16 Jahren in Haßfelden der jüngste Kriegsteilnehmer und anschließender Kriegsgefangener.

Auf den meisten Höfen waren außer alten Großvätern nur Frauen und Kriegsgefangene. Landdienstmädchen halfen auch fleißig mit. In den Haupterntezeiten waren Soldaten als Erntehelfer da.

Auch die guten jungen Pferde wurden eingezogen. Die Familien Breuninger, Gehring, Horlacher und wir mußten eins hergeben. Gefahren wurde dann viel mit Ochsen. Bis dahin lebten und arbeiteten wir immer recht gut zusammen. An die schlechten Zeiten hatte man sich gewöhnt. Die Angehörigen bangten um ihre Männer, Väter, Söhne und Brüder an den Fronten und schickten unzählige Briefe und Päck-

chen an alle Kriegsschauplätze.

Oft flogen stundenlang feindliche Flugzeuge. Manchmal gab es Luftkämpfe, wenn in Hessental die Jagdflieger aufstiegen. Da hatten wir oft arg Angst.

Ende Februar 1945 kamen O.T. Männer ins Dorf, sie wohnten in mitgebrachten Baracken und begannen sofort mit der Arbeit. Im Haßfelder Steinbruch wurden Steine gebrochen. Eine Bahnlinie wurde bis zum Ehrlich (Ilshofer Wald) gebaut. Dort sollte eine Abschußrampe für die V2 Waffe gebaut werden. Ende März wurde die Arbeit im Steinbruch wieder eingestellt. Die O.T.Männer sollten dringendere Arbeiten machen. Sie durften dann noch einige Tage in Haßfelden bleiben.

Schon Anfang April war herrlich warmes Wetter. In Wald und Flur grünte und blühte es schon. Wir waren schon alle mit säen fertig und konnten auch im Garten schon aussäen und pflanzen. Am 04. April hatte Marta Vogel, später Frau Keit, schon Salat im Garten pikiert.

An diesem Abend kamen schon die ersten deutschen Soldaten nach Haßfelden und suchten Nachtquartiere in den Häusern. Am andern Tag ging ihr Marsch weiter in Richtung Künzelsau. Am selben Tag kamen Volkssturmmänner ins Quartier, sie waren von Altshausen bei Mergentheim. Diese berichteten, daß die Amerikaner ihr Dorf schon eingenommen hätten aber wieder zurückgedrängt wurden. Am Morgen des 06. April mußten auch sie wieder abziehen in Richtung Schwäbisch Gmünd. Abends kamen wieder Volkssturmmänner aus Löffelstelzen bei Mergentheim. Die Front kam immer schneller auf uns zu.

Nachts um 11.00 Uhr kam der Befehl, daß die Haßfelder älteren Männer fort mußten, um 6.00 Uhr früh mußten sie in Wolpertshausen sein. Glücklicherweise sind nur die Haßfelder eingetroffen. Sie wurden dann wieder bis 11.00 Uhr entlassen und bis 18.00 Uhr wieder heimgeschickt. Da aber kein Kompanieführer da war, konnten sie, Gott sei Dank, wieder heim.

Schon am Nachmittag des 07. April hörte man die Geschosse der heranrückenden Front immer deutlicher pfeifen. Gegen 17.00 Uhr stiegen schon dicke Rauchwolken aus Rudelsdorf zum Himmel auf. Unzählige Panzer näherten sich Wolpertshausen. Auch dort brannte es nach kurzer Zeit. Nun hatten unsere Volkssturmmänner ihre Ruhe.

Sonntag, 08. April.

In Haßfelden sollte Konfirmation sein. Aber durch das Näherkommen der Front wurde alles verschoben bis Mitte Mai. Es war geschlachtet und gebacken. Na ja, das kam unseren Soldaten zu Gute. Die Konfirmanden waren Hilde Gehring, Reinhold Breuninger, Otto Gronbach und Julius Arnold.

Die Tage zuvor waren immer noch deutsche Soldaten da, man sah sie nicht mehr so gern, aber was wollte man machen. Alle hatten furchtbare Angst!

 

Nachmittags zwischen 2.00 Uhr und 3.00 Uhr schlugen die ersten Granaten ein. Beschossen wurden wir aus Richtung Wolpertshausen. Die erste Granate schlug in den Wasserturm ein. Dann ging es Schlag auf Schlag. Als erste brannte unsere Scheuer, dann die Scheunen von Lörcher, Kellermann, Hanselmann, heute

 Ernst Schwaderer. Diese brannte nicht ganz ab, entflammte aber in der Nacht wieder und brannte dann auch ab. Weiter ging es mit den Scheunen Ziegler, Arnold, Gehring, Noz, Breyer, sowie das Haus und Scheune von Schuster Breyer. Gelöscht konnte an den Scheunen nicht werden, weil kein Wasser da war und wegen des Beschusses.

Das Pfarrhaus, Heinolds und Ditschers Haus konnten gelöscht werden. Wir selbst hatten alle Gefäße, welche wir am Sonntag früh auf die Bühne geschafft und mit Wasser gefüllt hatten. So konnten wir, als der Beschuß nachließ, mit der Luftschutzspritze die Südseite unseres Holzschindelhauses bespritzen, sonst wäre es vom Feuer der Scheune erfaßt worden.

Alle haben ihre Tiere aus den Ställen getrieben. Tage darauf haben wir die meist wild gewordenen Tiere gesucht  und zusammen aussortiert. Gegen Abend kamen dann die amerikanischen Panzer. Die Soldaten durchsuchten alle Häuser und Keller und hielten viele Häuser besetzt. Die Leute wohnten in Scheunen und Kellern, einige Familien sogar im Schulsaal. Die Kirche und mehrere Häuser wurden von Sprenggranaten beschädigt.

Wir selbst mußten unser Haus nicht verlassen. In der Wohnzimmerwand hatten wir ein riesengroßes Loch von einer Sprenggranate und kaum mehr eine Fensterscheibe im Haus. Als es dann abend wurde sind wir mit Pferden und Wagen, mit dem Nötigsten, Betten, Wäsche, Kleidung, Schuhe und Lebensmitteln in den Wald gefahren. Am alten Schloß haben wir kampiert. Viele kamen nach bis nachts 12.00 Uhr. Am andern Tag, als es ruhig war, gingen wir wieder heim. Haßfelden hatte keinen toten Zivilisten. Dann waren wieder die deutschen Soldaten da.

Am 09. April brannte der Stall von Karl Vogel, heute Albert Schwaderer, konnte aber gelöscht werden und das Vieh konnte wieder einziehen. Hanselmanns und wir zogen mit unseren Kühen in die Pfarr und Gemeindescheuer. Nach ein paar Tagen standen wir knietief im Morast. Es war furchtbar!

Als erstes mußte ein riesengroßes Loch gegraben werden, um die toten Tiere zu vergraben.

Vom 10. 17. April ging es immer hin und her mit deutschem Militär. Die meiste Zeit haben wir im Keller verbracht. Aus den Kleidern sind wir überhaupt nicht mehr herausgekommen. Wir lebten nur so in den Tag hinein.

Am 13. April morgens waren die Scheunen, welche noch standen, voller Wehrmachtsautos und überall unter Bäumen und Hecken waren sie abgestellt.

Am 14. April haben alle Kartoffeln gesteckt. Die Kugeln pfiffen über uns hinweg. Wir haben immer die Köpfe eingezogen.

Während dieser Zeit kam Friedlinde Horlacher zur Welt, mit Hilfe von Frau Fischer, Wolpertshausen (Hebamme), welche ein Offizier abgeholt hat. Geschadet hat es ihr anscheinend nicht, sie ist gediehen.

In der Nacht zum 15. April war es besonders schlimm. Die Granaten pfiffen die ganze Nacht über uns. Wir mußten immer im Keller sein. Auch die Soldaten flüchteten in die Keller. Bei Einbruch der Dunkelheit kam der Befehl zum Abzug der deutschen Soldaten. Sie hatten sich vorher noch im Dorf gestärkt.

Frau Heinold schreibt in ihren Aufzeichnungen:

Wie schnell und wohin sich unsere Soldaten zurückgezogen haben, wir haben nichts mehr erfahren. Waffenruhe sollte am Freitag, dem 04. Mai eingetreten sein. Nun hat das Räubern und Plündern begonnen, hauptsächlich von Ausländern.

Hoffen wir, daß auch das bald ein Ende nehmen wird und unsere Soldaten bald wieder in ihre Heimat zurückkehren dürfen.

Am 17. April kamen noch einzelne, hungrige Soldaten in die Häuser. Abends 20.00 Uhr haben die Deutschen im Laufschritt das Dorf verlassen. Die ganze Nacht hörte man Panzer und Autos fahren. Niemand traute sich heraus. Am Morgen des 18. April waren dann die Amerikaner wieder da, aber dieses Mal ohne Beschuß. Sie kamen aus Richtung Brachbach. An den folgenden Tagen hatten wir immer amerikanische Einquartierung. Zuerst konnten aber die meisten Leute in den Häusern bleiben.

Am 19. April gegen 16.00 Uhr mußten fast alle Häuser innerhalb 15 Minuten verlassen werden. Die Leute durften gar nicht mehr hinein, mußten wieder in Scheunen und Kellern hausen und hatten tagelang nicht Warmes zu essen. Meine Mutter hatte zweimal Kaffee ins Dorf gebracht.

Nach ein paar Tagen wurde noch Heinolds Feldscheune, sie stand an der Straße Richtung Hörlebach, mit Phosphor in Brand geschossen. Heinolds und wir hatten Frucht darin versteckt. Aus Angst vor "Wehrwölfen" hatten die amerikanischen Soldaten uns mitgenommen. Wir mußten zuerst rein, aber herausholen durften wir nichts. Jeden älteren Mann hielten die Soldaten für einen Wehrwolf, meinen Vater, obwohl er schon über 60 Jahre alt und krank war, haben sie geschlagen und "Wehrwolf" angeschrieen.

 

Otto Gronbach hat mir erzählt:

Gronbachs und Deubers waren in der Scheune bei Deubers im Heu am Kellereingang. Da kam bei Nacht ein amerikanischer Soldat und rief nach einem Mädchen, das bei Deubers arbeitete. Alle hatten große Angst und regten sich nicht. Plötzlich schoß der Soldat ins Heu und durchschoß einer evakuierten Frau, Mutter von 3 Kindern, den Oberschenkel. Zufällig war auch eine Schwester dabei, welche den Fuß abband und dann verband. Am anderen Morgen brachten sie die Frau auf einer Schubkarre zum Pfarrhaus. Dort war ein RotKreuzPlatz. Von dort aus kam sie dann fort.

 

Als es wieder ruhig war, haben alle zusammen Schutt weggefahren. Unsere Fenster haben wir mit Bretter, Pappe und ausgeglasten Bildern zugemacht. Das ganze Dorf hatte bis August keinen Strom. So brauchten wir schon etwas Helligkeit. Wasser gab es erst viel später, wegen des kaputten Wasserturms.

 

Zum Glück war das Wetter so gut, daß wir alle mit unserem Vieh Tag und Nacht auf die Weide konnten. Der letzte Bauschutt wurde vollends weggeräumt und so konnten wir mit den Kühen zum Melken in Teile der Ställe und Schuppen, nachdem wir bei Verwandten und Bekannten Viehketten gebettelt hatten.

 

Zum Frühjahr 1945 kam die Nachricht, daß Eugen Deuber am 30. Januar 1945 gefallen sei. An einem Sonntag im Frühsommer  war der Trauergottesdienst. Ein Kranz, von uns Mädchen des Dorfes gemacht, geschmückt mit weißen Lilien, stand auf dem Altar. Als der Totgeglaubte am 10. November 1945 zurück kam, war er so abgezehrt und entstellt, daß ihn seine eigene Mutter nicht erkannt hat und ihn nicht ins Haus lassen wollte.

 

Ausmarschiert sind aus Haßfelden und Landturm 40 Männer.

 

Aus Haßfelden sind 7 gefallen:

Karl Breuninger, 03. Februar 1942

Paul Zucker, 04. Dezember 1943

Alfred Breuninger, 19. August 1944

Fritz Lörcher, 02. September 1944

Ernst Hanselmann, 28. November 1944

Karl Lober, März 1945

Karl Schüßler, April 1945

 

Wir gedenken ihrer!

 

 

 

Die Nachkriegsjahre waren sehr bescheiden, aber wir waren wirklich mit allem zufrieden und haben unter sehr schweren Bedingungen unsere zusammengeschossenen Gebäude provisorisch wieder aufgebaut, die Ställe und die kleinen Scheunen mit Stangen und Bretterdächern, alles in Handarbeit mit gegenseitiger Hilfe.

Nach und nach sind die Soldaten aus der Gefangenschaft gekommen, über jeden Einzelnen hat sich das ganze Dorf gefreut. Als Letzter aus Haßfelden kam Karl Ziegler im Juni 1948. Fritz Immel vom Landturm kam erst im Dezember 1949.

 

Nach und nach kam alles wieder in normale Bahnen. Schon im Frühjahr 1946 haben wir, mit Herrn Deeg, den Singchor  Haßfelden gegründet, als ersten Gesangverein in der ganzen Gegend. Nach der Währungsreform konnten wir dann wieder aufbauen. Jeder machte so viel, wie er Geld hatte. Sogar kleinste Kredite gab es nur, wenn man einen Bürgen stellen konnte.

 

Wir hoffen, wünschen und beten darum, daß unsere nachfolgenden Generationen von Kriegen verschont bleiben und in Frieden und glücklich leben können!

 

Bei Paul und Erika Heinold möchte ich mich für die Aufzeichnungen ihrer Mutter ganz herzlich bedanken. Zuletzt möchte ich noch den Vers schreiben, welchen sie als Abschluß ihrer Aufzeichnungen geschrieben hat.

 

Im Glück nicht stolz sein und im Leid nicht verzagen,

das Unvermeidliche mit Würde tragen,

das Rechte tun, am Schönen sich erfreuen,

das Leben lieben und den Tod nicht scheuen,

fest an Gott und bessere Zukunft glauben,

heißt leben, heißt dem Tod sein Bitteres rauben.

 

 

Aufgeschrieben habe ich alles so, wie ich es aus meiner Sicht erlebt habe und heute nach 50 Jahren noch weiß.

 

Haßfelden im April 1995

 

Gisela Strecker

 

Wiedergabe eines Vortrags, der am 22. April 1995 im Obersteinacher Gemeindehaus stattfand